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Der Taigan

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Rassestandard

Ausstellung in Bishkek 2002

Jagd am Issyk-Kul

Jagd mit Adlern

Expedition ins Gebiet Naryn (I)

Expedition ins Gebiet Naryn (II)

Steinbockjagd bei Kegeti

Taigan-Welpen

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Taigan - der kirgisische Windhund 

Bericht von Jan Scotland in der Zeitschrift "Unsere Windhunde" Nr. 2/03 und 3/03

Neben den Windhundrassen, die uns an jedem Wochenende auf unseren Windhundplätzen begegnen, gibt es zahlreiche weitere Vertreter der Windhundgruppe, die keine Anerkennung der FCI besitzen und die man zumeist außerhalb ihrer Ursprungsregion vergeblich sucht. In der kynologischen Literatur werden diese Rassen mitunter mit kurzen Absätzen abgehandelt, doch nähere Informationen bleiben dem europäischen Windhundliebhaber in der Regel verschlossen, wenn er sich nicht selber vor Ort auf die Suche begibt. 

Eine dieser hierzulande weitgehend unbekannten Windhundrassen ist der Taigan. Die Heimat dieser Rasse ist Kirgistan, ein Land in Zentralasien, das früher ein Teil der Sowjetunion war. Seit 1991 ist Kirgistan eine unabhängige Republik.  

Die Kirgisische Republik, so der amtliche Name des Landes, ist mit 198.500 km² etwas mehr als doppelt so groß wie Österreich und zählt rund 5 Mio. Einwohner. Von diesen sind rund 56 Prozent Kirgisen, deren Sprache dem Türkischen eng verwandt ist. Die bedeutendsten Minderheiten sind Russen mit 19 %, Usbeken mit 13 %, Ukrainer und Tataren mit jeweils 2 % sowie Deutsche mit rund einem Prozent Bevölkerungsanteil. Das Territorium des Landes besteht zu 80 Prozent aus Hochgebirgen, mehr als die Hälfte liegt über 3000 m. 

Der unbekannte Windhund aus Kirgistan 

In eben diesen Gebirgsregionen, in den Bergen des Alatau und des Tien Shan, wird der Taigan zur Jagd auf Steinböcke, Rehwild, Wölfe, Füchse, Dachse und Murmeltiere eingesetzt, mitunter auch gemeinsam mit abgerichteten Steinadlern. Man kann also von einer ausgesprochenen Hochgebirgsrasse sprechen. Über den Ursprung des Taigan liegen keine gesicherten Fakten vor, denn die Kirgisen, traditionell die Züchter und Besitzer der Rasse, waren bis ins neunzehnte Jahrhundert ausschließlich Nomaden, die keinerlei schriftliche Dokumente hinterlassen haben. Immerhin wird der Taigan in einer Strophe des kirgisischen Heldenliedes „Manas“ erwähnt, dessen Ursprünge vermutlich mit der Migration der kirgisischen Stämme aus ihrer Urheimat am Fluss Jenissej im südlichen Sibirien in das heutige Siedlungsgebiet  im Tien Shan im 10. Jahrhundert zusammenhängen. Doch auch dieser Umstand lässt keine zuverlässigen Schlüsse auf das Alter der Rasse zu, denn das Manas-Epos wurde bis ins 20. Jahrhundert nur mündlich überliefert und im Laufe seiner Geschichte immer wieder ausgeschmückt und den aktuellen Zeitumständen angepasst.  

Demgegenüber ist die jüngste Geschichte des Taigan relativ gut dokumentiert. Da zu Zeiten der Sowjetunion auch die Jäger in das kollektive System der Landwirtschaft eingebunden waren und bei der Ablieferung der Felle ihrer Beutetiere die Planvorgaben der staatliche Stellen erfüllen mussten, bestand ein Interesse daran, die Jagd mit Windhunden zu fördern: Bereits in den dreißiger Jahren hatten sowjetische Wissenschaftler damit begonnen, die Rassemerkmale des Taigan zu erfassen, und es fanden erste Körveranstaltungen statt. Im Jahre 1964 setzte der kynologische Rat der Sowjetunion einen Rassestandard für den Taigan in Kraft.  

In den folgenden Jahrzehnten scheinen diese Bemühungen jedoch weitgehend zum Erliegen gekommen zu sein, denn alle sowjetischen und ausländischen Publikationen dieser Zeit sprechen von einem Rückgang des Bestandes rassetypischer Taigane und von einer fortschreitenden Vermischung mit mittelasiatischen Tazis. In der Zeit der Perestroika unter Michail Gorbatschow entdeckte man jedoch den Taigan als ein Kulturgut des kirgisischen Volkes wieder, und 1987 begann der Leiter der Jagdhundsparte im Kirgisischen Jagd- und Fischereiverband, der Biologe Almaz Kurmankulov, mit der Registrierung von Taiganen in allen Landesteilen Kirgistans.  

Nach der Unabhängigkeit wurden diese Bemühungen fortgesetzt. Im Jahre 1996 trat mit Zustimmung der staatlichen Stellen ein neuer Rassestandard in Kraft, und 1998 erließ die Kirgisische Republik ein Gesetz, das den Taigan als nationales Erbe unter besonderen Schutz stellt. Im Jahre 2001 schließlich wurde in Bishkek die „National Society Kyrgyz Taigan“ als Spezialverband für die Betreuung der Rasse gegründet. 

Reise nach Kirgistan 

Seit ich vor vielen Jahren die ersten Berichte über den Taigan gelesen hatte, war ich daran interessiert, mehr über diesen faszinierenden Windhund und seine aktuelle Situation zu erfahren. Dies erwies sich als recht schwierig, denn zunächst einmal war Kirgistan als Teil der Sowjetunion und Grenzgebiet zu China weitgehend verschlossen. Nach der Unabhängigkeit blieben dann verschiedene Anfragen an staatliche Stellen, Nichtregierungsorganisationen und an die deutsche Botschaft unbeantwortet.  

Erst im Spätsommer 2001 ergab sich endlich über das Internet ein Kontakt zu Almaz Kurmankulov, der mir im Folgenden viele meiner Fragen beantwortete. Bald stand mein Entschluss fest, mir auch vor Ort ein Bild vom Taigan und von der Arbeit der National Society Kyrgyz Taigan zu machen. Almaz hatte als Zeitraum für diese Reise die erste Novemberhälfte empfohlen, da am ersten Novemberwochenende eine Spezialzuchtschau für Taigane in Bishkek stattfinden sollte. Außerdem würde man im Herbst viele Hunde in den Dörfern antreffen, da die Hirten in dieser Zeit bereits von den Sommerweiden zurückgekehrt seien, wo die Hunde den Sommer in völliger Freiheit – aber eben auch weit über das Land verstreut – im Umfeld der Jurtenlager ihrer Besitzer verbringen.  

Inzwischen hatten auch Wolfgang Regar aus der Schweiz und Peter Sander aus Osnabrück ihr Interesse an dieser ungewöhnlichen Reise bekundet. Zu dritt starteten wir also am 1. November 2002 von Frankfurt nach Bishkek.  

Nach sechsstündigem Flug wurden wir am Flughafen bereits von Nourlan Mamyrov, dem Präsidenten der National Society Kyrgyz Taigan und von Almaz Kurmankulov in Empfang genommen. Nach einer kurzen Zwischenstation an unserem Quartier fahren unsere Gastgeber bereits mit uns zu einem Gestüt am südlichen Stadtrand von Bishkek, wo neben Akhal Tekinern (eine aus Turkmenistan stammende Pferderasse) auch mehrere Taigane gehalten werden.  

Hier haben wir eine erste Gelegenheit, uns einen Eindruck von der Rasse zu verschaffen, denn auf dem Gelände halten sich vier erwachsene Hunde sowie drei etwa viermonatige Taigan-Welpen und ein Tazi-Welpe auf. Bis auf einen chremefarbenen Welpen mit Maske und einen grauen-weißen Rüden namens Uchar sind die Taigane schwarz mit nur wenigen weißen Abzeichen. Auffällig sind die enorme Substanz der Taigane, d.h. die große Brustbreite und die weite Rippenwölbung, sowie die sehr großen Pfoten. Wir können nachvollziehen, dass diese Hunde in der Lage sind, unter den Bedingungen des Hochgebirges ausdauernd zu arbeiten.  

Hier in der nur 800 Meter hoch gelegenen Großstadt wirken die Hunde (mit Ausnahme der lebhaften und zutraulichen Welpen) jedoch eher phlegmatisch, zumal es mit 27 °C noch fast sommerlich warm ist. Immerhin haben sie ein freundliches Wesen und lassen sich gerne streicheln – das dem Taigan mitunter nachgesagte Misstrauen gegenüber Fremden können wir weder hier noch bei späteren Begegnungen feststellen. 

Taigan-Zuchtschau in Bishkek 

Am kommenden Morgen fahren wir voller Erwartung zur nationalen Taigan-Zuchtschau. Diese findet erst zum zweiten Mal statt, und wir sind wohl die ersten Besucher aus Westeuropa, die das Privileg haben, diese Veranstaltung miterleben zu können. Es ist allerdings nur eine kleine Anzahl von Hunden, die hier am Rand einer großzügigen Parkanlage gezeigt werden, die nach dem türkischen Staatsgründer Atatürk benannt ist: Insgesamt zehn Hunde sind erschienen, darunter zwei der Welpen, die wir schon am Vortage gesehen haben, sowie zwei Hunde, die einen deutlichen Tazi-Einschlag aufweisen.  

Wir erfahren, dass es vielen Taigan-Besitzern aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation unmöglich ist, an derartigen Veranstaltungen teilzunehmen; verständlich, wenn man bedenkt, dass das monatliche Durchschnittseinkommen in der Kirgisischen Republik bei 2000 Som (etwa 44 Euro) liegt. Aus diesem Grunde erhalten die Sieger auch keine Ehrenpreise, wie wir es gewohnt sind: Säcke mit Trockenfutter und kleine Geldpreise, gestiftet von ortsansässigen Geschäftsleuten, mögen uns zwar prosaisch erscheinen, haben aber in einem Land, in dem viele Menschen sich nur mit Mühe den Unterhalt eines Hundes leisten können, durchaus einen praktischen Wert. Für die Zukunft hofft die Society, Teilnehmern mit längerem Anreiseweg auch einen Teil der Reisekosten erstatten zu können. Voraussetzung hierfür wäre natürlich, dass sich entsprechende Sponsoren finden.  

Das Richten findet sehr gründlich statt: Insgesamt fünf Richter vom kirgisischen und vom russischen Jagd- und Fischereiverband beschäftigen sich minutenlang mit jedem Hund. Nicht nur die Größe wird gemessen, sondern auch Details wie Brustumfang, Haarlänge, Länge der Ohren, Körperformat usw. Bester Hund der Ausstellung wird schließlich der grau-weiße Rüde Uchar, den wir am Vortage bereits kennen gelernt haben, bester Welpe wird die viermonatige Hündin Aziza. Ihr Besitzer Manasbek Sultanov, der auch Vizepräsident der Reiterlichen Vereinigung Kirgistans ist, erzählt uns später, dass sich zwei Geschwister dieser Hündin im Besitz von Spaniens König Juan Carlos befinden – ein Gastgeschenk der kirgisischen Teilnehmer bei den Internationalen Reiterspielen von Jerez de la Frontera im Oktober 2002.  

Im Anschluss an die Ausstellung sind alle Anwesenden zum Essen eingeladen – es gibt Beschbarmak, ein kirgisisches Nationalgericht aus Nudeln und Hammelfleisch, dazu vorzüglichen kirgisischen Wodka, und natürlich müssen auch wir als weit gereiste Gäste einen Trinkspruch auf die Freundschaft zwischen kirgisischen und europäischen Windhundfreunden ausbringen! 

Am Issyk-Kul 

Am kommenden Morgen fahren wir mit unseren Begleitern Almaz Kurmankulov und Erik Beiake an den See Issyk-Kul. Mit einer Länge von 170 km und einer Breite von 70 km ist dieser in 1607 m Höhe gelegene See nach dem Titicaca-See der zweitgrößte Hochgebirgssee der Welt. In der Bucht von Ak-Terek, am Südwestufer des Sees auf halbem Wege zwischen Bokonbajewo und Balykchy, plant die National Society Kyrgyz Taigan die Einrichtung einer Zuchtstation. Und nicht nur der Zucht von Taiganen soll dieser idyllische Ort dienen; künftig sollen dort auch kynologisch interessierte Besucher aus dem Ausland ihren Urlaub in einem Jurtencamp verbringen können und so die Möglichkeit erhalten, den Taigan kennen zu lernen und die Rasse auf der Jagd zu erleben. Die Society hofft, damit in der Zukunft einen Teil ihrer Arbeit finanzieren.  

Noch ist es nicht ganz so weit, so dass wir für mehrere Tage bei Eriks Eltern in dem Dorf Tört-Kul, etwa eine Fahrtstunde von Ak-Terek entfernt, zu Gast sind. Doch wir kommen mehrmals an die Bucht, gehen mit dem Taigan-Rüden Karajal und dem Tazi-Rüden Ak-Joltoi in der Wermutsteppe am Ufer des Issyk-Kul auf die Jagd nach Tolai (eine lokale Hasenart), baden in einem Salzsee mit warmen Quellen und erleben in den Vorbergen des Teskej-Alatau eine Jagd mit zwei abgerichteten Steinadlern.  

Die Hasenjagd mit dem Taigan ist ein recht unspektakuläres Unterfangen: In einer Reihe gehen wir zusammen mit Almaz durch das Buschwerk und hoffen darauf, ein Beutetier aufzuscheuchen. Die Hunde halten sich dabei fast immer in unserer Nähe auf. Der Standard des Taigan spricht zwar davon, dass der Hund auf der Suche nach Beute auch seinen Geruchssinn einsetzt, doch weder bei der Jagd auf Hasen, noch bei einer Jagd auf Steinwild, die wir am Ende unseres Aufenthaltes erleben, haben wir dieses Verhalten beobachten können – die Hunde nehmen die Verfolgung in der Regel immer erst dann auf, wenn sie Sicht auf ihre Beute haben. Zumindest auf unserem Jagdausflug in Ak-Terek mögen jedoch auch die Witterungsbedingungen dazu beitragen, dass die Hunde sich recht lustlos zeigen, denn es ist immer noch spätsommerlich warm, und zudem jagen die Hunde üblicherweise in Höhen über 2000 m. 

Registrierungs-Expedition 

Nach einigen Tagen am See fahren wir schließlich in den Südosten des Landes in die Region Naryn; Almaz beabsichtigt hier, den Bestand an Taiganen in einigen Ortschaften zu registrieren und nach Möglichkeit weitere Taigan-Besitzer zur Kooperation mit der Society zu gewinnen. Eingezwängt in Eriks alten Lada machen wir uns auf den Weg nach At-Bashy, wobei wir u.a. den 3035 m hohen Dolon-Pass überqueren müssen. Südlich der Gebietshauptstadt Naryn, die am gleichnamigen Quellfluss des Syr Darja gelegen ist, weitet sich die Landschaft zu weiten, grasbedeckten Tälern, die von hohen Bergketten eingerahmt werden. Große Herden von Schafen und Yaks zeigen an, dass die Land- und Viehwirtschaft hier (wie in fast allen Teilen Kirgistans) die bedeutendste Lebensgrundlage der Bevölkerung darstellt.  

Noch am Abend unserer Ankunft nimmt Almaz die erste Registrierung vor, nachdem wir nach längerer Suche das Gehöft eines Taigan-Besitzers am Rande der Ortschaft Archa-Kaingy bei At-Bashy ausfindig gemacht haben. Uchar heißt der neunjährige, sehr kompakte Rüde, und nach Auskunft des Besitzers soll er mehrfach erfolgreich Wölfe gejagt haben. „Uchar“ bedeutet im Kirgisischen so viel wie „schnell“ oder „flink“ und ist wohl der häufigste Name für Taigane, denn wir treffen auf zahlreiche Hunde, die auf diesen Namen hören. Geduldig lässt sich der Hund von Almaz Kurmankulov vermessen, und genauso geduldig beantwortet der Besitzer die Fragen des Kynologen aus der fernen Hauptstadt. Ausnahmslos erleben wir die Menschen in Kirgistan als sehr aufgeschlossen, und das ungewohnte Interesse an ihren Hunden bringt sie ebenso wenig aus der Ruhe wie die Anwesenheit von drei mit Fotoapparaten und Filmkameras ausgestatteten Westeuropäern. 

Am kommenden Morgen machen wir uns mit einem gemieteten Kleinbus auf den Weg ins Hochtal von Tash-Rabat, nur etwa 40 km von der Grenze zur Volksrepublik China entfernt und auf einer Höhe von über 3000 m gelegen. Bereits auf dem ersten Gehöft treffen wir eine dreijährige Taigan-Hündin und einen neunjährigen Rüden, die sich hier friedlich zwischen allerlei Federvieh bewegen, das zum Trinken an den schnell fließenden Gebirgsbach kommt. Wieder zückt Almaz Notizblock und Maßband, um den Besitzer zu interviewen und um die Hunde zu vermessen. Nicht weniger als 63 Kriterien weist das Registrierformular der National Society Kyrgyz Taigan auf, die von Almaz routiniert durchgegangen werden. Eine Registriergebühr oder ein Mitgliedsbeitrag werden nicht erhoben, so dass einmal mehr verständlich wird, warum die Society dringend nach weiteren Sponsoren sucht.  

Wir fahren weiter zu der vermutlich aus dem 11. Jahrhundert stammenden Karawanserei von Tash-Rabat, einer Raststation an einer Route der ehemaligen Seidenstrasse, die hier einst auf dem Weg von Kashgar ins Ferghana-Tal den Tien Shan durchquerte. In der Nähe sehen wir zwei großrahmige, gestromte Taigan-Rüden, aber auch mehrere Mischlinge zwischen Tazis, Taiganen und Hirtenhunden. Almaz berichtet uns, dass derartige Mischlinge in der Vergangenheit öfter an Ausländer (vor allem an Russen) verkauft wurden. Nicht wenige dieser Hunde wurden dann in anderen GUS-Staaten zur Zucht verwendet. Bilder solcher Hunde fanden später den Weg in weitere Länder, wo sie als vermeintlich „typische Taigane“ in Hundebüchern und als Illustrationen von Internetseiten präsentiert werden. Nicht alles, was uns in der kynologischen Literatur oder im Internet als „Taigan“ begegnet, hat also diese Bezeichnung wirklich verdient!  

Auf dem Rückweg nach At-Bashy sehen wir in der Ortschaft Kara-Bulun mehrere Hunde, bei denen wir eine Einkreuzung von Jagd- oder Hirtenhunden vermuten. Einen typischen Taigan sehen wir in diesem Ort dann allerdings auch noch. Der etwa dreijährige Rüde heißt (wie könnte es anders sein!) Uchar, und am auffälligsten ist seine lange Behaarung – die meisten Taigane haben ein eher mittellanges Fell, wobei wir uns nicht sicher sind, ob dies nicht möglicherweise auf die Haltungsbedingungen zurückzuführen ist. Wir wissen von Bildern und aus eigener Anschauung, dass die wenigen Taigane, die (vor allem in Russland und im Baltikum) unter Showbedingungen gehalten werden, oft ein sehr langes Fell entwickeln, das sehr stark an das Haarkleid eines Afghanischen Windhundes westlicher Prägung erinnert. Die Nomaden und Jäger in Kirgistan verschwenden demgegenüber natürlich keine Zeit auf die Fellpflege ihrer Hunde. Bedenkt man dann noch, dass die Hunde auf den Sommerweiden oft weitgehend sich selbst überlassen sind und sich im Umfeld der Jurtenlager ihre Schlafmulden in den Boden graben, so kann man sich leicht vorstellen, dass das Fell durch Schmutz und das Liegen im Sand stumpf wird und bricht. Auch die häufig auftretenden Verfilzungen werden nicht als störend angesehen (und von den Hunden offensichtlich auch nicht so empfunden) sondern sie mögen sogar einen gewissen Schutz vor den Unbilden des Wetters oder bei der Auseinandersetzung mit wehrhaftem Wild darstellen. 

Dies können wir besonders gut bei einer Hündin beobachten, die uns an der Fernstrasse von Naryn zur chinesischen Grenzstation Torugart begegnet: Wir überholen zwei berittene Hirten mit einer Herde Yaks, die auf dem Weg zum Viehmarkt nach At-Bashy sind. Sie führen einen Schäferhund und besagte Taigan-Hündin namens Ak-Tush mit. Der Schäferhund, dessen Fellzeichnung stark an einen Wolf erinnert, ist für das Zusammenhalten der Herde zuständig und die Yaks haben offenkundigen Respekt vor ihm (wobei sein wolfsähnliches Aussehen sicherlich eine Rolle spielt), während die Taigan-Hündin passiv mitläuft. Doch es wird uns glaubhaft versichert, dass in dieser einsamen Gegend durchaus mit dem Auftauchen von Wölfen zu rechnen ist – da bedeutet ein zweiter Hund zweifellos einen zusätzlichen Schutz.  

Am nächsten Morgen steht die Rückfahrt zum Issyk-Kul auf dem Programm, doch vorher lädt uns Murat, ein Freund von Almaz, der in At-Bashy als Wildhüter und Zuchtwart der Taigan-Society tätig ist, zu einer Fahrt in den Nachbarort Bash-Kaindy ein. Etliche Kilometer lassen wir uns in einem alten Armeejeep durchschütteln, doch die Fahrt hat sich gelohnt, denn auf einem Bauernhof mit weitläufigem Garten wird uns ein Rüde gezeigt, der auf den Namen „Tarsan“ hört. Seine ungewöhnliche Fellfarbe wird von unseren kirgisischen Begleitern als etwas vage als „strohgelb“ benannt, man könnte sie aber ebenso als graugestromt mit dunklem Sattel bezeichnen. Wie auch immer, dieser Rüde ist eine eindrucksvolle Erscheinung, wozu auch sein freies und würdevolles Wesen beiträgt, das sich positiv von dem gedrückten Verhalten mancher Hunde unterscheidet, die in der Enge der Dörfer vermutlich die Freiheit der Sommermonate vermissen.  

Nach einem Abstecher auf den Viehmarkt machen wir uns schließlich auf den Rückweg zum Issyk-Kul, wo wir noch einmal bei Eriks Eltern zu Gast sind, bevor wir dann nach über einer Woche in den Bergen wieder in die Hauptstadt Bishkek zurückfahren. Mit Almaz und mit Nourlan (der an unserer kleinen Expedition aus Termingründen nicht teilnehmen konnte) diskutieren wir beim Abendessen in Bishkek unsere Erlebnisse.  

Zukunftsperspektiven 

Natürlich sind unsere Gastgeber neugierig darauf, welche Eindrücke wir auf unserer Fahrt durch das Land gewonnen haben. Ebenso wie für uns der Besuch in Kirgistan ein neues Erlebnis ist, so ist für die Taigan-Experten der Kontakt mit Windhundliebhabern aus Europa Neuland. Schnell kommt das Gespräch auf ein Thema, das den Mitgliedern der National Society Kyrgyz Taigan offensichtlich am Herzen liegt, das von ihnen aber verständlicherweise auch mit gemischten Gefühlen betrachtet wird: Die Frage einer Anerkennung des Taigan durch die FCI. 

Dass eine solche Anerkennung bis heute nicht betrieben wird, hat zunächst einmal praktische Gründe, denn in Kirgistan gibt es zwar einige Hundeclubs, die sich mit einzelnen Rassen beschäftigen, aber es existiert bis heute kein kynologischer Dachverband, der für diese Vereine sprechen könnte und der legitimiert wäre, diese gegenüber der FCI zu vertreten.  

Allerdings sind sich Almaz und seine Mitstreiter auch sehr wohl bewusst, dass eine weltweite Verbreitung des Taigan mit nicht zu unterschätzenden Gefahren für die Rasse verbunden wäre. Man ist sehr wohl über die negativen Auswüchse des Ausstellungswesens informiert, und nicht von ungefähr werden wir immer wieder auf das negative Beispiel des Afghanischen Windhundes hingewiesen, der nach seinem Export in westliche Länder massiven Veränderungen unterworfen war. Einer solchen Entwicklung möchte man den Taigan natürlich nicht ausgesetzt sehen. Ebenso wenig würde man freilich auch ein Protektorat eines ausländischen Verbandes über die Rasse akzeptieren. 

Die Entscheidung über das richtige Vorgehen können wir unseren kirgisischen Freunden natürlich nicht abnehmen, doch wir hoffen, dass es für den Taigan auch im 21. Jahrhundert weiterhin einen Platz gibt und dass diese ursprüngliche Windhundrasse nicht über kurz oder lang irgendwelchen Modetrends oder eigennützigen Interessen zum Opfer fallen wird.  

Mit der National Society Kyrgyz Taigan verfügt das Ursprungsland über eine geeignete organisatorische Basis, um die Zukunft der Rasse zu sichern, und an umfassendem kynologischen Wissen ist in den Reihen dieser Organisation kein Mangel, auch wenn die Umsetzung mancher hochfliegenden Pläne bisher noch an mangelnden finanziellen Ressourcen scheitert. Es ist zu wünschen, dass dieses (für eine nicht FCI-anerkannte Rasse sicher einmalige) Know-how nicht übergangen wird, sollte das Thema einer Anerkennung durch die FCI irgendwann auf die Tagesordnung kommen! 

Abenteuer Kegeti 

Nourlan hat für uns zum Abschluss unserer Reise noch eine besondere Attraktion organisiert: Wir fahren in den Ort Kegeti, etwa 50 Kilometer südöstlich von Bishkek am Fuße der Alatau-Berge gelegen, um dort eine Steinbockjagd zu erleben.  

Frühmorgens fahren wir etliche Kilometer ein bewaldetes Tal hinauf, das uns sehr an europäische Alpenlandschaften erinnert. Schließlich geht es zu Pferde und zu Fuß weiter, an unserer Seite mehrere Taigane, Tazis und Laikas. Etwa eine Stunde reiten wir bis jenseits der Baumgrenze, die Hunde zunächst noch an langen Führleinen, später dann freilaufend, aber immer in unserer Nähe. Schließlich haben unsere Begleiter auf einem Bergkamm die Silhouette eines Steinbocks ausgemacht. Drei der Männer steigen mit den Hunden den Steilhang hinauf und schicken die Hunde in die Richtung des Wildes. Doch die Entfernung ist zu groß, so dass die Hunde nach kurzer Zeit zurückkehren.  

Während der Mittagsrast entwickeln die Jäger einen Plan: Die Gruppe soll sich aufteilen, einige von uns mit Hunden den vor uns liegenden Hang hinaufklettern, während der Rest der Gruppe mit weiteren Hunden den Berg umgehen soll, um dort dem Wild den Weg abzuschneiden. In der Hoffnung auf spektakuläre Fotos gehen wir mit den Jägern den Hang hoch, doch rasch müssen wir erkennen, dass wir uns hier als Flachlandbewohner übernommen haben: Wir befinden uns deutlich über 3000 m, hatten kaum Zeit, um uns zu akklimatisieren und der Hang ist auch noch deutlich steiler, als er von unten aussah. Schließlich müssen wir umkehren, um die Jäger nicht weiter aufzuhalten.  

Später, als wir uns am Ausgangspunkt unseres Ausfluges wieder mit den Jägern treffen, erfahren wir, dass wir nicht allzu viel verpasst haben: Zwar haben die Taigane einige Steinböcke aufgescheucht und einen von ihnen auf eine Felsspitze getrieben, doch alles spielte sich so weit von den Jägern ab, dass sie nicht zum Schuss kamen. Immerhin haben wir einen kleinen Eindruck von den landschaftlichen und klimatischen Bedingungen bekommen, unter denen die Hunde in Kirgistan arbeiten müssen und von denen sie letztlich geformt wurden. 

Den letzten Tag verbringen wir in der Hauptstadt Bishkek. Wir bummeln über den farbenfrohen Osh-Basar und besuchen das Nationalmuseum, in dem wir zwischen zahlreichen Exponaten der jüngeren und älteren kirgisischen Geschichte auch zwei alte Fotos sehen, die aus der Zeit vor der Oktoberrevolution stammen und Jäger mit ihren Taiganen zeigen.  

Schließlich nehmen wir Abschied von diesem ungewöhnlichen Land und von unseren freundlichen Gastgebern, die uns einen Einblick ermöglicht haben in die Arbeit mit einer Windhundrasse, die noch unberührt ist vom Getriebe der Rassehundezucht nach westlichem Muster. Wir hoffen, dass die Bemühungen der kirgisischen Kynologen zum Erhalt ihres Nationalhundes von Erfolg gekrönt sind, und wir hoffen, bald wieder nach Kirgistan reisen zu können - in das Land des Taigan. 

© Jan Scotland