|
|
|
|
Texte Expedition ins Gebiet Naryn (I) |
In
der Vorstellung der meisten Menschen ist der Kirgisische Windhund Taigan
ein Mysterium. Tatsächlich ist diese Rasse relativ selten und sie hat
einige Eigenschaften, die sie von anderen orientalischen Windhunden
unterscheiden und die sie einzigartig machen: Der Taigan kann sich an
seine Aufgaben und an die lebensfeindlichen Bedingungen des Hochgebirges
mit seinem schweren Gelände perfekt anpassen, und er hat einen
exzellenten Geruchssinn. Die Ursprünge des Taigan reichen weit in die
Geschichte zurück. In dem meisterhaften Epos des kirgisischen Volkes, dem
“Manas”, welches über tausend Jahre alt ist das und die nationalen
Epen anderer Völker an Länge und Alter weit übertrifft, findet sich
bereits eine Beschreibung des Taigan als bestehende Rasse mit produktiven
Qualitäten. Die Kirgisen waren immer Nomaden, die weite Gebiete
Zentralasiens durchzogen, bevor sie ihre Heimat in den Bergen des Tien
Shan fanden. Sie wanderten gemeinsam mit ihren Viehherden und Hunden.
Entsprechend den Jahreszeiten lebten unsere Vorfahren in den Bergen, in
den Wäldern, in Steppen und Wüsten. Daher mussten ihre Hunde sehr
widerstandsfähig und stark sein. Es
ist sehr wichtig, das Wissen unserer Vorfahren über die Zuchtselektion zu
bewahren und wertzuschätzen. Es gibt hervorragende Beispiele nomadischer
Züchterkunst, so beispielsweise das Arabische oder das Akhal Tekiner
Pferd. Auf der anderen Seite gibt es natürlich Laien, die argumentieren,
dass derart alte Rassen lediglich lokale Formen sind, die einem züchterischen
Zufall entspringen. Eine solche Argumentation, die eine völlige
Missinterpretation züchterischer Ziele darstellt, ist eine Gefahr für
alte, hervorragende Haustierrassen, die dem Menschen über die Zeitalter
hinweg gedient haben. Tatsächlich ist es aber unmöglich, eine Population
ausschließlich über eine kontrollierte Zucht zu bewahren. Es ist
vielmehr notwendig, dass es neben einer begrenzten Population, die nach
festen Kriterien gezüchtet wird, eine Vielzahl von Tieren gibt, die
einer normalen Entwicklung überlassen bleiben. Ein
weiteres Gerücht besteht darin, dass es sich beim Taigan um einen Abkömmling
des Afghanischen Windhundes oder des Tazy handelt. Dies entspricht nicht der
Wahrheit. Die
Behauptung, dass der Taigan irgendwann nach Kirgistan “eingeführt”
wurde, ist absurd. Obwohl die Völker Afghanistans, Kirgistans und
Kasachstans Nachbarn sind, haben sich ihre Kulturen doch getrennt
entwickelt. Auch wenn es Handelsbeziehungen gab, so teilte der Prozess der
züchterischen Selektion doch nicht diese Analogie. Der Prozess der
Selektion basiert auf wesentlich engeren Beziehungen. Unterschiede in der
Geographie, im Klima und die Fähigkeit der Anpassung an solche
Bedingungen stellen wesentliche Trennlinien dar. Aus dem Biologiekurs
kennen wir das Gesetz der Homologie, welches bedeutet, dass Organismen,
die unter ähnlichen Umweltbedingungen existieren, parallele Merkmale
entwickeln können. Dies ist beispielsweise der Fall beim Maulwurf und der
Maulwurfsratte, bei Hai und Delfin, Springmaus und Känguru, aber eben auch
bei Haustierrassen. Wenn unterschiedliche Umweltbedingungen vorliegen,
entwickeln sich logischerweise unterschiedliche Merkmale. Dies ist auch
der Fall beim Kirgisischen Taigan. Es
wird auch behauptet, dass der Taigan ein reizbares Temperament aufweist.
Dies ist nicht korrekt. Nomaden benötigen keine nervösen und
unberechenbaren Hunde. Ihre auf Jagd und Viehzucht basierende Lebensführung
verlangt einen verlässlichen Hund als Begleiter. Diese Anforderungen
stellten die Basis ihrer Zuchtauswahl dar, nicht jedoch eine zweifelhafte
Auswahl, die Aggressivität für sportliche Zwecke über Verlässlichkeit
und Kooperation stellt. In Kirgistan haben wir ruhige Hunde mit gutem
Wesen. Dies bedeutet natürlich nicht, dass man die Hunde provozieren oder
misshandeln darf, um ihre Reizschwelle auszutesten. Eine
einmalige Eigenschaft des Taigan ist seine Fähigkeit, gemeinsam mit dem
Steinadler oder anderen domestizierten Greifvögeln zu jagen,
beispielsweise zusammen mit dem Falken. Hierfür muss der Welpe gemeinsam
mit dem jungen Adler aufgezogen werden, wenn auch nicht unbedingt im
direktem körperlichen Kontakt. Es gibt jedoch auch eine Meinung, die
davon ausgeht, dass ein körperlicher Kontakt notwendig ist. Bereits in
jungem Alter werden der Taigan und der Adler gemeinsam darauf trainiert,
gemeinsam zu arbeiten. Der
Taigan kann nicht nur als ein reiner Windhund jagen, sondern er beherrscht
auch die lautlose Arbeit als Spürhund. Dies ist sehr nützlich für
die bevorzugte Jagdweise der Greifvögel. Die Annahme, dass dies ein
Mysterium ist, das als Geheimnis des Orients gehütet wird, hat jedoch
keine Basis: Die Methoden der Aufzucht und des Trainings bestehen ganz
konventionell in der positiven Bestärkung erwünschten Verhaltens und des
Verbotes unerwünschter Aktionen. Folglich spiegelt der Taigan den
Lebensstil des kirgisischen Volkes: Der Hund muss anspruchslos sein und
seinem Besitzer folgen. Wenn sein Besitzer abwesend ist, muss er das Pferd
oder den Ochsenkarren bewachen. Wenn ein Raubtier auftaucht, muss er es
abwehren. Während der Nacht muss er wachsam gegenüber Bedrohungen sein.
Natürlich erfordert dies spezielle Trainingsmethoden, doch diese sind
einfach und verständlich, und kein Geheimnis. Um beispielsweise zu
verhindern, dass ein Hund gestohlen wird, gibt es eine einfache Methode:
Vom Welpenalter an hat der Taigan nur einen Betreuer. Andere Menschen
sollen den Welpen nicht anfassen. Wenn der Welpe heranwächst, wird er
sich anderen Menschen ohne die Begleitung seines Herrn nicht näheren.
Solcherart ist es unmöglich, den Hund zu stehlen. Ein anderes Beispiel
ist die häufig gestellte Frage darauf, wie man es dem Hund beibringt,
neben dem Pferd zu laufen. Die Antwort ist ganz einfach: Man füttert den
Welpen in der Nähe eines Pferdes. Um
ein richtiges Verständnis für die Qualitäten der Rasse zu entwickeln,
ist es notwendig, Kenntnisse über die Menschen zu besitzen, die sie gezüchtet
haben, und über das Land, in dem die Rasse entstanden ist. Dies trifft
nicht nur für den Taigan zu, sondern für alle Haustierrassen. Quelle: National Society Kyrgyz Taigan, 2002 Aus dem Englischen von Jan Scotland |
|
|
|