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Autochthone Windhundrassen aus der Sowjetunion (1991)

Von Michail Lebedew, Moskau. 

Der folgende Text wurde erstmalig in der New Zealand Kennel Gazette veröffentlicht, die ihn in Form einer Presseinformation von der Sowjetischen Botschaft in Wellington erhalten hat. Im Jahre 1991 erschien er dann in der britischen Zeitschrift “Saluki Heritage”. Der englische Originaltitel lautete “Original Borzoi Breeds from the Soviet Union”. Ebenso konsequent ist im gesamten Text von “Barsois” (Borzois) die Rede. Es liegt auf der Hand, dass bei der Übersetzung vom Russischen ins Englische das russische Wort “Borzaja” fehlinterpretiert wurde - es ist zwar die Grundlage für die bei uns übliche Rassebezeichnung “Barsoi” für den russischen Windhund, im Russischen bedeutet es jedoch generell “Windhund” (von “borzij” = schnell, flink). Der Taigan heisst auf Russisch “Kirgizskaja Borzaja Taigan”, d.h. “Kirgisischer Windhund Taigan”. Daher wurde bei der Übertragung ins Deutsche das Wort “Borzoi” jeweils mit “Windhund” übersetzt.

Auf dem Gebiet Zentralasiens wurde die Jagd mit Windhunden lange vor dem Erscheinen der ersten Reisenden aus Europa praktiziert, während sie im europäischen Teil unseres Landes erst in der Zeit der Kiewer Rus (11. Jahrhundert n. Chr.) bekannt wurde. In Zentralasien war die Jagd mit Windhunden weitverbreitet. Um Tiere in der grenzenlosen Weite der Steppen und Wüsten zu finden, verwendete man hauptsächlich einzelne Hunde und nicht nur Hunde in Meuten oder Paaren. 

In der Sowjetunion beinhaltet die Gruppe der östlichen Windhunde den zentralasiatischen Tazy und den Taigan - einen kirgisischen Windhund, der dem Tazy nahesteht.  

Der Tazy ist ein extrem schlanker, eleganter Windhund - ein Produkt der vielhundertjährigen Jagdtraditionen der zentralasiatischen Völker. Rüden erreichen 60 bis 70 cm Schulterhöhe, während Hündinnen 55 bis 65 cm gross werden. Die Länge wird mit bis zu 103 cm angegeben. Die üblichen Farben sind weiss, tonig, hellgelb und grau in allen Schattierungen, einfarbig schwarz oder gescheckt. Gescheckte Exemplare werden besonders von Jägern geschätzt, die ihre Windhunde gemeinsam mit abgerichteten Greifvögeln einsetzen. Die Jäger nennen solche Hunde “Goldadler-Tazy”, da sie sich in der Farbe deutlich von den wilden Beutetieren abheben und den abgerichteten Goldadler nicht irreführen können. Der Tazy ist eine kurzhaarige Rasse. Das Fell ist weich und glatt. An den Ohren ist das Haar weich, wellig und länger. Indem das Haar etwa fünf oder sechs Zentimeter über die Ohrenden hinausreicht, erinnert es an die Fellumhänge, die man im Kaukasus trägt. An der Unterseite der Rute wird das Haar ebenfalls länger getragen, jedoch ist die Rute nicht buschig. Auch an den Hinterseiten der Vorder- und Hinterläufe hat der Hund geringfügig längeres Fell. Zwischen den Zehen ist das Haar buschig und hart. Solches Fell verursacht keine Probleme, wenn der Hund im Haus gehalten wird, schliesst es jedoch auch nicht aus, ihn draussen zu halten, was ihn für Jäger aller Kategorien brauchbar macht.  

Das Temperament des Tazy ist sanft, unaufdringlich und zurückhaltend. Diese Hunde können auch von Anfängern leicht folgsam gemacht werden und sind leicht zu führen. 

Nicht nur die natürlichen, sondern auch die sozialen Bedingungen in Zentralasien beeinflussten die Entstehung der Rasse Tazy und die mit ihr praktizierte Jagd. Während in Westeuropa und in Russland jede Art von Jagd, speziell jedoch mit Hunden, strikt an Besitz, vor allem an Landbesitz gebunden und ein Privileg der besitzenden Klassen war, bestanden im vor-revolutionären Turkmenistan endlose Jagdgründe, die nicht nur von den Khanen und Beys (reiche Grundbesitzer) genutzt werden konnten, sondern auch von den unteren Klassen. Nomadisch lebende Viehzüchter und Hirten - schneidige Steppenreiter - hatten alle Voraussetzungen um Tazys zu trainieren und eine primitive Zucht zu praktizieren. Zur Jagd zu reiten war für sie eine bevorzugte Beschäftigung, welche nebenbei auch materiell profitabel war, da ein Jäger mit einem guten Windhund in der Regel pro Saison 150 oder mehr Füchse erlegen konnte. 

Der Tazy besitzt exzellente Jagdqualitäten. Den grauen Steppenhasen holt er schnell ein. Ein solcher Hase erreicht auf der Flucht vor dem Hund eine Geschwindigkeit von 16 m / sek. Die besten Hunde holten auch die schnellen Saiga-Antilopen und persischen Gazellen ein, welche eine Geschwindigkeit von 25 m / sec erreichen, und sogar den mit 33 m / sek. anerkannten Rekordhalter im Tierreich, den Geparden. (Heutzutage ist die Jagd auf persische Gazellen und Geparde verboten). 

Zusätzlich zu Hasen, Füchsen und Saigas verfolgen die Tazys auch Wildkatzen, Schakale, Iltisse, Dachse und Murmeltiere (indem sie an sie herankriechen), Rehwild und sogar Keiler. Auf der Hasenjagd werden die Tazy-Rassen mitunter als Spürhunde eingesetzt. Man lässt sie in das Buschwerk, während die Jäger auf den Spuren der Hasen warten, um die Hasen zu schiessen, die auf der Flucht vor den Hunden aus ihrem Versteck ins Freie rennen. Ausserdem werden die Hasen auch von den Hunden gefangen. 

Von nicht geringerem Interesse ist der Taigan - ein Abkömmling der alten Windhundgruppe, die bis vor kurzem ausschliesslich in den alpinen Regionen Kirgistans gezüchtet wurde. 

Gemäss historischen und archäologischen Studien hat diese Rasse ihre Wurzeln in der Zeit des Aufstiegs und Niederganges der kretisch-mykenischen Zivilisation. Kein Wunder, wenn man die natürlichen Bedingungen für den Gebrauch von Jagdhunden im antiken Griechenland und im Tienschan-Gebirge vergleicht: Canyons und Ansammlungen von Felsen wechseln sich mit fruchtbaren Tälern ab und erzeugten, kombiniert mit primitiven Zuchtmethoden, den Jagdhundtyp alter Zeiten, der als Taigan auf unsere Zeit überkommen ist. Diese Rasse ist ausserordentlich wertvoll für die Jagd unter spezifisch alpinen Bedingungen, was jedoch ihre Eignung für die Bedingungen des Tieflandes in keiner Weise mindert.  

Die Taigans haben ihre einzigartigen Arbeitsqualitäten und ihr Exterieur seit alten Zeiten nur deshalb bewahrt, da sie bis vor kurzer Zeit ausschliesslich in schwer zugänglichen und sehr wilden Gebieten lebten. Dies erklärt auch, warum der Taigan noch nicht eingehend studiert wurde.  

Der Taigan ist grösser als der Tazy: Rüden erreichen 65 bis 75 cm Schulterhöhe, und Hündinnen sind 60 bis 65 cm gross. Die Rasse ist rauh und kraftvoll, verglichen mit anderen Windhunden. Der Taigan verfügt über eine beneidenswerte Kraft und ist wachsam. Er springt agil wie ein Affe und kann sich mit Leichtigkeit an Berghängen bewegen. Der Hund ist hart und anspruchslos. Die üblichen Farben sind schwarz, gescheckt, rot, weiss und gesprenkelt. Das Haar ist weich, mittellang und dicht. Im Winter entwickelt sich das Unterfell. Längeres Fell entwickelt sich auf dem Oberkopf, auf den Knien, auf den Schultern und rund um die Vorderläufe fast bis hinunter zum Vorderfusswurzelgelenk. Die Behaarung an den Ohren erinnert an kaukasische Filzjacken - weiches und welliges Haar bedeckt die Ohren und reicht fünf bis acht, manchmal auch mehr Zentimeter über sie hinaus. Hartes Fell wächst zwischen den Zehen. Geringfügig längeres Haar trägt der Hund an der Unterseite der Rute.  

Das Verhalten des Taigan ist eigentümlich. Er respektiert seinen Besitzer, kann jedoch auch sein Temperament demonstrieren. Der Hund ist bezaubernd und würdevoll. Aber es ist komplizierter einen Taigan als Haushund zu halten als einen Tazy, da sein fröhliches und ungestümes Temperament den Taigan immer dazu treibt, irgendetwas anzustellen. Der Taigan besitzt ein exzellentes Orientierungsvermögen auf seinem Terrain. Seine Qualitäten auf der Hetzjagd sind herausragend, sein Geruchssinn ist gut und ungeachtet der schwierigen Bedingungen des Hochlandes hetzt er sein Wild mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 12,5 m / sek. Der Taigan kann bellen wie ein Eskimohund, wenn sich seine Beute in einem Haufen von Steinen oder einem Loch verborgen hält.  

Die Beutetiere des Taigan sind vielfach identisch mit denen des Tazy. Zudem werden Gruppen von zwei oder drei Taigans zur Verfolgung von Bergziegen und Widdern eingesetzt. Steinböcke und Bergwidder werden von den Taigans auf Vorsprünge an Hängen gehetzt und dort gestellt und mitunter gekillt, öfter jedoch von den Felsen heruntergeschleudert. Ein Taigan kann einen Wolf oder Schakal überwältigen.  

Zusätzlich zu seinen brillianten Jagdeigenschaften besitzt der Taigan grossartige Merkmale eines Nutzhundes. Er lässt sich leicht trainieren, um seinen Besitzer und dessen Eigentum zu bewachen. Wer versucht, irgendwelches Eigentum zu entwenden, sollte nicht vergessen, dass das Wort “Taigan” in der kirgisischen Sprache “Berg-Killer” bedeutet (diese Bedeutung wurde uns in Kirgistan nicht bestätigt - Anm. d. Übers.).  

Die Reduktion der Jagdgründe und die Einschränkung der Möglichkeiten, mit Windhunden zu jagen, setzt nicht die Bedeutung des Tazy und des Taigan als Rennhunde herab, welche ihren Platz in der Liga der weltbesten Windhunde haben.

Aus dem Englischen von Jan Scotland