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Als
Möglichkeit, den Bestand der Wildkaninchen zu kontrollieren, ist die Jagd
mit dem Podenco Canario auf den Kanarischen Inseln durchaus gerne gesehen
– denn das Kaninchen wurde erst nach der spanischen Eroberung vor etwa
500 Jahren auf den Kanarischen Inseln heimisch und stellt somit eigentlich
einen Fremdkörper in der Inselfauna dar. Dies
wirft natürlich die Frage auf, seit wann der Podenco Canario auf den
Inseln existiert – denn ohne das Wildkaninchen, die typische Jagdbeute
aller windhundähnlichen mediterranen Jagdhunde, ist auch das
Vorhandensein eines derart spezialisierten Jagdhundes wenig
wahrscheinlich.
Der
Blick in den erst 1987 verabschiedeten FCI-Standard Nr. 329 des Podenco
Canario ist in dieser Beziehung wenig hilfreich: Der „kurze
geschichtliche Abriss“ schreibt dem Podenco Canario zwar ein Alter von
ca. 7000 Jahren zu, bezeichnet ihn als einen Hund altägyptischer Herkunft
und macht Phönizier, Karthager, Griechen und die Ägypter selber für
seine Einfuhr verantwortlich. An Belegen für diese Hypothesen fehlt es
jedoch völlig. Man
kann diesen „Geschichtlichen Abriss“, in dem überdies noch behauptet
wird, dass sich Zeichnungen, Statuen und Reliefs des Podenco Canario im
Louvre und im Britischen Museum befinden, also getrost in eine Reihe mit
ähnlich abenteuerlichen Legenden und Phantasiebezeichnungen stellen, mit
denen Züchter außerhalb der Ursprungsländer insbesondere den maltesischen Kelb tal-Fenek,
aber auch andere Mediterrane Rassen überziehen. An
dieser Stelle möchte ich eine Anmerkung von Rüdiger Daub zitieren, die
dieser einst mit Blick auf den Cirneco dell’ Etna schrieb, die aber
genauso auf den Podenco Canario und alle anderen Rassen dieser Gruppe
zutreffen dürfte: "Der
vielfach angenommene ägyptische Ursprung muss nicht überbetont werden,
gab es stehohrige Windhunde doch im gesamten vorderen Orient. Der "Tesem"
war nur eine seiner Rassen, bzw. Lokalschläge. Jedenfalls gibt es keinen
Grund anzunehmen, dass alle jenen Völker der Antike, die im Besitz von
stehohrigen Windhunden waren, diese samt und sonders aus ringelschwänzigen
"Tesems" zu säbelschwänzigen Rassen umgezüchtet hätten"
(R. Daub, „Windhunde der Welt, Melsungen 1979, S. 92) Mehrfach habe ich versucht herauszufinden, ob es unter den Jägern auf den Kanarischen Inseln ein überliefertes Wissen über den Ursprung des Podenco Canario gibt. Diese Nachfragen erwiesen sich allerdings als nicht sehr ergiebig. Mitunter wird darauf verwiesen, dass bereits die prä-hispanischen Ureinwohner der Kanarischen Inseln, die Guanchen, im Besitz von Hunden waren; tatsächlich bedeutet der Name „Islas Canarias“ so viel wie „Hundeinseln“, eine Bezeichnung, die der römische Autor Plinius in einem Bericht über eine Expedition des libysch-maurischen Königs Juba II. um 25 v. Chr. geprägt hat. Bis
heute gibt die Kultur der kanarischen Urbevölkerung viele Rätsel auf.
Gesichert scheint heute immerhin zu sein, dass die Vorfahren der Guanchen
zur Zeit der Antike aus dem nordwestlichen Afrika eingewandert sind und
dass sie die Inseln vermutlich in mehreren Einwanderungswellen besiedelt
haben. Ihre Sprache, die bis heute in vielen kanarischen Ortsnamen
fortlebt, wies viele Parallelen mit den Sprachen der Berber im heutigen
Marokko und Algerien auf, so dass anzunehmen ist, dass auch die Guanchen
diesem Kulturkreis entstammten. Gab
es in der Antike noch sporadische Kontakte zwischen den Guanchen und den
Kulturen des Mittelmeerraumes, so gerieten die Inseln später jedoch
wieder in Vergessenheit, bis im Jahre 1402 die ersten Spanier auf der nordöstlichsten
Insel Lanzarote landeten und in einem bis 1496 andauernden Krieg eine
Insel nach der anderen unterwarfen. Nach der spanischen Eroberung waren
die Guanchen einem hohen Assimilationsdruck ausgesetzt, der zur
weitgehenden Auslöschung ihrer Sprache und Kultur geführt hat. Immerhin
deutet vieles darauf hin, dass diese Assimilation fast ausschließlich
kultureller, sprachlicher und religiöser Art war. Zwar kamen auch Siedler
vom spanischen Festland auf die Inseln, welche die Urbevölkerung
teilweise verdrängten oder sich mit ihr vermischten; einen physischen
Genozid an der einheimischen Bevölkerung hat es demgegenüber aber
offenbar nie gegeben, so dass sich viele Kanarier heute wieder als
Nachfahren der Guanchen mit einer eigenständigen Herkunft und Geschichte
betrachten. Es
läge nahe, auch die Einfuhr des Podenco Canario den Guanchen
zuzuschreiben, zumal sich bei dieser Gelegenheit wieder eine Verbindung
mit dem alten Ägypten konstruieren ließe – immerhin waren bestimmte
Kulturtechniken, die wir bei den alten Ägyptern finden, auch den Guanchen
bekannt, so z.B. die Mumifizierung von Toten oder der Bau von Pyramiden. Dem
steht jedoch das Fehlen einer natürlichen Jagdbeute eines solchen Hundes
in vor-spanischer Zeit entgegen. Zwar verweisen einige kanarische Jäger
darauf, dass die Guanchen ihre Hunde in Ermangelung von Kaninchen und
vergleichbarem Niederwild möglicherweise zur Jagd auf Leguane und
Eidechsen verwendet haben. Dies erscheint mir jedoch eher fraglich: Natürlich
interessiert sich ein Podenco Canario (wie wohl alle Hunde) für
herumhuschende Eidechsen, Geckos und andere Kleinreptilien, doch kann
allein dies kaum die Existenz eines solchen hochläufigen Hundes begründen.
Denkbar
scheint mir schon eher, dass der heutige Podenco Canario aus einer
Vermischung eingeführter Podencos vom spanischen Festland bzw. von den
Balearen mit den bereits auf den Inseln vorhandenen Hunde der Guanchen
hervorgegangen ist – und es gibt wenig Grund anzunehmen, dass sich unter
letzteren nicht auch Hunde jenes hochläufigen, stehohrigen Pariatyps mit
gelblicher bis roter Fellfarbe befunden haben, die man in vielen Regionen
rund um das Mittelmeer sowie in weiten Teilen Afrikas findet. Im Übrigen
halte ich es für recht wahrscheinlich, dass diese kynologische
„Ursuppe“ letztlich auch der Ursprung aller anderen mediterranen
Rassen ist – vermutlich wird man immer dann, wenn man beginnt, aus
dieser südlich-mediterranen Paria-Population die hochläufigeren,
schlankeren Exemplare zu selektieren und systematisch auf eine windhundähnliche
Erscheinung hin zu züchten, an irgendeinem Punkt einen Hund erhalten, der
einem Podenco Canario, Kelb tal-Fenek, Podenco Ibicenco oder Cirneco dell’
Etna ähnelt. Auch diese These bedarf noch des Beweises – doch scheint
sie mir noch die einleuchtendste Erklärung für das relativ einheitliche
Erscheinungsbild dieser geographisch weit gestreuten Rassengruppe zu sein.
Die oft strapazierte Theorie vom altägyptischen „Tesem“ als ausschließlichem
Stammvater aller heutigen stehohrigen mediterranen Jagdhunde jedenfalls dürfte
in Anbetracht der gewaltigen historischen Zeiträume und der vielfältigen
geschichtlichen Turbulenzen, denen die Bewohner dieser Weltgegend mitsamt
ihren Hunden ausgesetzt waren, kaum wissenschaftlich haltbar sein. Überdies stellt der Podenco Canario auf seinen Heimatinseln keineswegs eine isolierte Population dar: Vielen Lesern ist möglicherweise aus eigener Anschauung bekannt, dass es unter den Hunden, die in den letzten Jahren von Tierschutzorganisationen und Privatpersonen von den Kanarischen Inseln mitgebracht wurden, zahlreiche Exemplare gibt, die nicht dem Rassestandard des Podenco Canario entsprechen, weil sie z.B. schwarze Pigmentierung aufweisen. So kennen sicher viele Coursingteilnehmer in Deutschland jene Mischlingshündin aus Teneriffa, die das perfekte Erscheinungsbild und Jagdverhalten eines mediterranen Jagdhundes mit einer soliden schwarzen Fellfarbe verbindet und die seit Jahren mit Begeisterung als Füllhund bei Coursings mitläuft.
Natürlich
entsprechen solche Hunde weder dem Rassestandard des Podenco Canario noch
den althergebrachten züchterischen Traditionen der kanarischen Jäger.
Trotzdem habe ich derartige Hunde mehrfach auch bei Jägern auf Teneriffa
beobachten können. Sie werden von ihren Besitzern selbstverständlich als
„Podencos“ bezeichnet und zur Jagd eingesetzt. Die Erklärung ist
einfach: Bei den Jägern spielt ausschließlich der Gebrauchswert ihrer
Hunde eine Rolle. Sofern das Resultat eines „Fehltrittes“ sich als
guter Jagdhund erweist, wird dieser selbstverständlich zur Jagd
eingesetzt und gegebenenfalls auch zur Zucht verwendet. In
Anlehnung an ein chinesisches Sprichwort gilt also bei den kanarischen Jägern
die Maxime: „Gleichgültig ob ein Podenco schwarz oder rot ist –
Hauptsache er fängt Kaninchen“! Ich
sehe keinen Grund anzunehmen, dass die Jäger auf den Kanarischen Inseln
(oder irgendwo im Mittelmeerraum) zu irgendeiner Zeit anders verfahren
sind. Nur so dürfte auch zu erklären sein, warum sich mediterrane Rassen
auch auf relativ kleinen Inseln wie z.B. Malta und Gozo halten konnten –
ohne die ungeplante, aber dennoch kontinuierliche Zufuhr neuen genetischen
Materials hätten derartige Populationen kaum über längere Zeit überleben
können. Moderne Sagen wie die von der Schiffsladung altägyptischer
Pharaonenhunde, die auf einer einsamen Mittelmeerinsel in die Isolation
geriet und dort die Jahrtausenden überdauert hat, dürften jedenfalls ins
Reich der Phantasie zu verweisen sein. Selbstverständlich
haben sich unsere Zuchtrichter an die gültigen Rassestandards zu halten
und beispielsweise einem Podenco Canario mit schwarzer Pigmentierung die
Registrierung zu verweigern. Dennoch sollte zu denken geben, dass unsere
mediterranen Rassen die längste Zeit ihrer Geschichte offenbar gut ohne
Standard, Zuchtschauen oder Zuchtbücher zurechtgekommen sind, ohne dass
sie deshalb ihr typisches (heute würde man sagen:
„standardgerechtes“) Erscheinungsbild eingebüsst haben - ob demgegenüber
unser modernes Konzept standardisierter, „rassereiner“ Populationen
auf Dauer zukunftsfähig ist, wird sich erst noch weisen müssen. Bei
aller Spekulation über den Ursprung des Podenco Canario oder anderer
mediterraner Rassen ist abschließend zu vermerken, dass dieses Thema
unter den kanarischen Jägern keinen hohen Stellenwert besitzt. Sie sind
ausschließlich an der jagdlichen Verwendbarkeit ihrer Hunde interessiert;
die große Mehrheit von ihnen dürfte vermutlich nicht einmal den
offiziellen Rassestandard kennen. So
ist der Podenco Canario bisher glücklicherweise von zweifelhaften
Romantisierungen und Verklärungen verschont geblieben, und man darf auch
hoffen, dass ihn seine Ähnlichkeit mit den bereits fest in der Showszene
etablierten mediterranen Rassen davor bewahrt, irgendwann für die
„Belange“ des Ausstellungswesens verändert zu werden. |
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